Schäm dich

Als ich ein kleines Mädchen war, habe ich bei Nachbarn geschlafen. Ich habe mich gut mit der Tochter verstanden und wir genossen unsere Pyjamaparties. Bei einer dieser Übernachtungsparties bürstete die Mutter meiner Freundin die Haare bevor wir ins Bett gingen. Dabei fand die Nachbarin Läuse in meinen Haaren. Ich schämte mich sehr. Natürlich konnte ich nichts dafür – heute weiß ich wie oft Läuse in Grundschulen auftreten. Dennoch ist mir dieses Gefühl von damals sehr präsent. Ich weiß noch genau, wie es sich anfühlte. Damals reagierte ich mit Rückzug. Erst vor kurzem habe ich das erste Mal über diese Situation gesprochen. Ich habe das Schweigen gebrochen und das Schamgefühl wird schwächer. 

Scham

Scham ist ein tabuisiertes und doch ganz normales Gefühl. Wir erleben es in unterschiedlichen Situationen und reagieren sehr verschieden darauf. Wir machen anderen Vorwürfen, wir beschuldigen, beschämen oder ziehen uns zurück. Oft geben wir Scham weiter. Eltern beschämen ihre Kinder und schämen sich eigentlich selber, Lehrerinnen und Lehrer beschämen Schüler und Schülerinnen. Vorgesetzte beschämen Mitarbeitende und so weiter. 

Wie kannst du mit Scham umgehen?

Der erste Schritt ist die Scham zu erkennen. Der zweite ist sie zu benennen. Das klingt leicht. Doch dieser Schritt ist schwer. Es ist viel einfacher die Scham weiter zu erreichen, als zu sagen „Ich schäme mich.“ Wie oft sagen wir zu kleinen Kindern „Da musst du dich doch nicht schämen.“

Wenn wir über Gefühle sprechen, dann reden wir über Trauer, Wut, Freude, Liebe. Wir reden nicht über Scham. Wie sollen wir als Erwachsene in einer beschämenden Situation sagen, dass wir uns schämen, wenn wir als Kind gehört haben, wir müssten uns nicht schämen? 

Übung

Du kannst lernen über Scham zu reden. Fang an mit vertrauten Menschen darüber zu reden, in welchen Situationen du dich schon Mal geschämt hast. Frag deine Freunde, wie sie mit Scham umgehen. 

Schreibe über Scham. Wann hast du dich geschämt? Wie alt warst du? Wie hat es sich angefühlt? Wo in deinem Körper hast du es gefühlt? Wie bist du damit umgegangen?

Scham ist unangenehm aber wichtig

Scham ist ein Gefühl. Es fühlt sich erdrückend und unangenehm an. Trotz der Schwere dieser Emotion können wir etwas Gutes daraus machen. Scham kann ein Lernanlass sein. Wenn wir auf die Situationen gucken und darüber reden, können wir lernen in Zukunft anders mit solchen Situationen umzugehen. Ich habe vor kurzem einen Fehler gemacht. Meine Scham hat mir angezeigt, dass ich es als Fehler empfinde. Ich konnte dann das Gespräch dazu suchen und neue Perspektiven zu der Situation hören. Wenn eine Person vor einem Publikum auftritt und ausgelacht wird, gibt es verschiedene Möglichkeiten zu reagieren. Diese Person könnte nie wieder auftreten, sie könnte üben und sich ao weiterentwickeln oder sich ein anderes Publikum suchen.

Weiterlesen

Wenn du dich mehr mit dem Thema Scham beschäftigen möchtest, empfehle ich dir die Publikationen von Dr. Stephan Marks. Er gibt außerdem tolle Vorträge und Workshops. 

Wie immer freue ich mich über Rückmeldungen und wünsche dir viel Spaß beim Ausprobieren

Deine 

Birte

2 Comments

    1. Vielen Dank liebe Dagmar. Scham ist tatsächlich ein sehr spannendes Thema. Interessant finde ich auch für mich, dass ich vor dem Weiterbildungsteil ein wenig Angst hatte. Wer spricht schon über Scham? Auf jeden Fall gerne ein Spaziergangsthema.

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