Ich bin ein Mensch und ich fühle auch bei der Arbeit. Wenn ich bei der Arbeit bin, bin ich Fachkraft. Trotzdem verschwinden die anderen Teile meines Lebens natürlich nicht, wenn ich arbeite. Letzte Woche ging es dem kleinen Hund schlechter und ich habe deutlich gemerkt, dass mich das beschäftigt. Grundsätzlich glaube ich, dass ich, da wo ich bin, als ganzer Mensch bin. Trotzdem sind in unterschiedlichen Situationen verschiedene Persönlichkeitsanteile präsent. Zu denken, dass wir einen Teil von uns abschalten können oder müssen, weil wir arbeiten, ist aus meiner Perspektive falsch verstandene Professionalität. Diese falsch verstandene Professionalität erlebe ich besonders dann, wenn es um Gefühle bei der Arbeit geht.

Ich fühle auch bei der Arbeit.
„Das hat mich angestrengt. Ich habe körperlich reagiert, mein Herz wurde schneller.“ Das habe ich einem Kollegen erzählt. Der war geschockt. „Da musst du doch mit umgehen können!“ Meine laute innere Zweiflerin hat sich sofort gefragt, ob ich nicht hätte ehrlich sein dürfen. Ich habe mich gefragt, ob ich mich unprofessionell gezeigt habe. Das ist eine typische Situation. In meiner Zeit als Frühförderkraft habe ich oft gehört, dass ich mich abgrenzen muss. In meinen Seminaren erzählen pädagogische Fachkräfte, wie Kolleg:innen sagen, dass sie unprofessionell sind, wenn sie etwas bewegt.
Falsch verstandene Professionalität
Natürlich verhalten wir uns im Arbeitskontext anders, als wenn wir Zeit mit unseren liebsten und vertrauten Menschen verbringen. Wenn ich in einer Coachingsituation bin, geht es um die Person oder das Team, mit der/m ich arbeite. Ich reagiere in so einer Situation anders, als wenn mir mein Partner etwas erzählt. Das heißt aber nicht, dass ich in dem Arbeitskontext keine Gefühle habe. Ich nehme sie wahr und wäge ab, ob sie für den Prozess relevant sind oder nicht. Es kann sein, dass ein Prozess etwas in mir auslöst. Das merke ich dann und merke es mir für später. Falsch verstandene Professionalität ist, wenn wir davon ausgehen, dass wir die Gefühle als Fachpersonen nicht haben. Hätten wir sie nicht, wären wir Maschinen.
Falsch verstandene Professionalität schränkt uns ein.
Gehen wir nochmal zurück zu der Situation, die ich mit dem Kollegen erlebt habe. Ich hätte das nicht teilen müssen. Es zu teilen, eröffnet die Möglichkeit der Verbindung. Der Kollege könnte sagen, dass es ihm auch so geht oder es versteht. Mir würde das auch die Chance geben, mich weiter zu entwickeln. Ich könnte z.B. fragen, wie es dem Kollegen gelingt, gelassen mit der Situation umzugehen. Wenn wir davon ausgehen, dass Gefühle und andere Lebensbereiche während der Arbeitszeit nicht vorkommen, haben wir auch nicht den Zugriff auf unsere ganze Kompetenz. Außerdem verweigern wir uns, zu lernen.
